Rina Reist
Du bist stärker als du denkst
“Eine wahre Geschichte über den Mut immer wieder aufzustehen, die Liebe einer Familie und die Kraft, die schon immer in dir war.”
…wird zeitnah veröffentlicht
Vorwort
Seelenstriptease.
Nein, nicht das, was du jetzt vielleicht denkst. Aber dieses Buch ist tatsächlich ein tiefer Blick in meine Gefühle und meine Seele, darauf, wie ich bestimmte Situationen und Phasen in meinem Leben erlebt habe.
Ich habe mich hier emotional schonungslos geöffnet. Von totaler Verliebtheit und purer Freude bis hin zu verletzten und traurigen Phasen ist alles dabei.
Du hältst gerade dieses Buch in den Händen und dafür danke ich dir von ganzem Herzen.
„Puuuuh … was für eine Reise, die ich in den letzten Jahren und vor allem beim Schreiben durchlebt habe.“
Die Botschaft dieses Buches:
Das Leben kann manchmal echt hart sein. Und manchmal kann man das Gefühl haben, nicht stark oder nicht gut genug zu sein, um eine Situation oder das Erlebte zu überstehen. Jeder Mensch nimmt Dinge natürlich anders wahr.
Aber:
Du bist stärker, als du denkst.
Die Situation, die sich in deinem Leben abspielt oder abgespielt hat, scheint von außen betrachtet vielleicht gar nicht so schlimm zu sein. Rational und sachlich betrachtet mag es dafür vielleicht sogar eine einfache Erklärung geben.
Aber dir hat es wehgetan.
Es hat dich verletzt, tief getroffen und tut es vielleicht bis heute. Es hat etwas mit dir gemacht und bringt dich zumindest immer wieder an deine emotionalen Grenzen.
Das ist übrigens völlig normal.
Wir sind menschliche Wesen mit Emotionen und allem, was dazugehört. Das darf also sein.
Atme einmal kurz ein … und langsam wieder aus.
Einatmen ... zähle bis vier.
Ausatmen ... zähle bis acht.
Und dann sag es einfach einmal laut:
„Das ist ok. Ich darf das so wahrnehmen und fühlen.“
Selbstakzeptanz, die Erkenntnis, dass alles sein darf, war ein großer Teil meines Weges. Und genau das möchte ich dir gleich zu Beginn mitgeben.
Die Brisanz aus einer Situation herauszunehmen mit einem einfachen „Es ist, wie es ist“ und dann zu schauen: Wie gehe ich damit um? das kann alles verändern.
Zu erkennen, dass ich trotz aller Entscheidungen, die ich getroffen habe, gut genug bin, war für mich ein langer Weg. Aber ich habe es geschafft, das anzunehmen.
In dem Moment, als du den Titel dieses Buches gelesen hast, hat er vielleicht etwas in dir ausgelöst. Vielleicht hat es mit deiner Kraft, deiner Energie, deinen Emotionen, deinen Erfahrungen oder einer Reaktion deines Unterbewusstseins zu tun.
Vielleicht hat da etwas in dir leise geflüstert:
„So ein bisschen mehr Glaube an dich wäre auch bei dir nicht schlecht. Lies das mal.“
Vielleicht warst du aber auch einfach nur neugierig, welche Geschichte sich dahinter verbirgt.
Ich habe dieses Buch Seite für Seite geschrieben, um wenigstens einem Menschen auf dieser Welt zu zeigen:
Es geht immer weiter.
Es gibt Lösungen, selbst dann, wenn etwas hoffnungslos, nicht schaffbar oder aussichtslos erscheint.
Das Leben geht weiter, solange dein Körper gesund ist. Vielleicht anders, als du es dir gewünscht hast. Aber es geht voran.
Du bist nicht allein mit dem Erlebten, mit herausfordernden Situationen, gefühltem Chaos, emotionalen Verletzungen oder all dem, was sich in deinem Leben abgespielt hat.
Es ist, wie es ist.
Und nur du kannst entscheiden, wie du damit umgehst.
Ich habe mich bei jedem Rückschlag und bei allem, was mich verletzt hat, dafür entschieden, weiterzugehen.
Es gibt einfach zu viele Menschen, die sich mit ihren Themen einsam oder allein fühlen.
Und wenn dieses Buch auch nur einem Menschen einen kleinen Lichtblick schenkt, wie ein Stern, der den Weg leuchtet, und ihm das Gefühl gibt:
„Ich bin nicht allein.“
„Andere haben so etwas schon überstanden. Dann schaffe ich das auch.“
… dann hat dieses Buch für mich bereits einen Sinn.
Genug der Erklärungen. Los geht’s.
Kapitel 1 – Das perfekte Leben
5:30 Uhr. Ein ganz normaler Morgen. Ich bin mittlerweile jenseits meines 35. Geburtstags und weit ist die 40 nicht mehr weg.
Der Wecker klingelt, und ich strecke den Arm aus, bevor er ein zweites Mal „Sommer in der Stadt" von Wolfgang Petry spielen kann. Mein Mann und die Kinder schlafen noch. Das Haus ist still. Es ist noch dunkel. Ein Tag Ende September in Norddeutschland, der den kühlen Nebel mittlerweile in der Nacht auf die frühherbstlichen Felder legt.
Ich stehe auf, könnte eigentlich noch dreißig Minuten liegen bleiben. Aber ich stehe auf. Weil diese knappe halbe Stunde, die jetzt kommt, mir gehört. Nur mir.
Ich lasse mir ein Bad einlaufen. Gebe den schäumenden Badezusatz hinein. Es duftet herrlich nach Blüten. Zünde die kleine Vanillekerze auf dem Badewannentablett an, das warme, weiche Licht der Fensterbank-Lampe erhellt den Raum und macht alles ein bisschen sanfter. Das Wasser dampft leicht. Ich steige ein.
Zwanzig Minuten.
Das ist alles, was ich brauche. Zwanzig Minuten Wärme, das Wasser, Vanilleduft um mich herum, Stille. Es wartet in diesem Moment keine Aufgabe und auch kein Termin. Nur das Wasser, die Wärme, die kleine Flamme, das sanfte Licht und ich.
Ich liebe diese Minuten. Sie helfen mir, mich besser zu fühlen, mich zu regulieren und sie erinnern mich daran, dass ich da bin. Dass da eine Frau ist, unter all dem Funktionieren.
Damals in der Zeit als ich noch für die Bank arbeitete, waren das die einzigen Minuten des Tages, die sich nach mir anfühlten.
Danach: der Alltag. Wäsche anstellen, Spülmaschine, aufräumen, was liegen geblieben ist. Mir den ersten Tee des Tages machen.
Um 6:30 Uhr wecke ich die Kinder. Frühstücken, Waschen, Anziehen, Zähneputzen, Diskussionen, der kurze Blick auf den Kalender. Viel zu tun heute. Um 7:20 Uhr fahren wir los. Um 7:25 Uhr Kindergarten. Um 7:40 Uhr Büro. Minutengenau. Kein Spielraum.
Aber zuerst: das Bad. Die Kerze. Die Stille.
—
Bevor ich von der Zeit bei der Bank erzähle, von den grauen Anzügen und den pünktlich eintreffenden Sonntagsabendsbauchschmerzen, von dem Leben, das nach außen hin perfekt aussah und mich innerlich langsam aufrieb, muss ich von meinem Bruder erzählen.
Weil ohne ihn nichts von dem, was danach kommt, zu verstehen ist.
—
Meine Eltern waren noch recht jung, sie bekamen mich mit 17 und 19 Jahren. 1986 waren sie gerade Mitte zwanzig. Ich war sieben Jahre alt, als er geboren wurde.
Das Alter, in dem man noch glaubt, dass Wünsche wahr werden, wenn man sie laut genug denkt. In dem die Welt noch überschaubar ist: Schule, Spielplatz, Schwimmbad, Freunde, der Bach hinter dem Haus, das Zuhause der Großeltern und Eltern als sicherer Mittelpunkt von allem.
Und dann: ein Bruder.
Ich erinnere mich an das Gefühl der Erwartung, bevor er da war. Das Kinderbett, das aufgestellt wurde. Der hellblaue neue Strampler, der schon im Schrank hing. Die Gespräche der Erwachsenen, die ich nur halb verstand. Ich dachte, ein Geschwisterkind zu bekommen bedeutet: jemanden zum Spielen. Jemanden, dem man etwas zeigen kann. Eine kleine Erweiterung der Welt.
Doch es wurde nicht nur für mich eine sehr emotionale Ernüchterung.
Mein Bruder wurde von uns allen geliebt, er wurde es von der ersten Sekunde an, bedingungslos und vollständig, bis heute. Aber das Leben mit ihm war von Anfang an so anders als alles, was ich kannte.
Er kam sechs Wochen zu früh auf die Welt. Er ist still. Hat nie gesprochen. Nur ein einziges Wort „Ja", keinen ganzen Satz hat er je gesprochen, der seinen Namen hätte formen können. Bei einer OP, als er sechs Monate alt war ging etwas schief und in Folge dessen ist er auf dem geistigen Stand eines Kleinkindes geblieben, ich habe ihn trotzdem mehr verstanden als viele Menschen, die tausend Worte nutzen. Weitere sieben Jahre lang hatte er daraufhin eine Trachealkanüle, seine Lunge verschleimte immer wieder, wir mussten ihn absaugen, das klingt technisch, wenn ich es so aufschreibe. Aber es war das Leben. Dutzende Narkosen bis zu seinem siebten Lebensjahr, viele Eingriffe, Operationen. Es war unser Alltag.
Jeden Abend die Frage: Wie die Nacht wohl wird?
Ich musste lernen, ihn zu lesen.
Worte, die gab es von ihm nie. Ich musste ihn lesen, seinen Körper, seine Augen, seine Gestik und Mimik. Die Art, wie er die Luft anhielt, wenn ihm etwas wehtat. Die kleinen, kaum wahrnehmbaren Zeichen im Gesicht, die sagten: Mir geht es nicht gut. Ich habe Hunger. Ich muss zur Toilette. Eine Veränderung im Atem, ein Zucken um den Mundwinkel, ein Blick, der anders war als der von gestern.
Denn weinen, das tat er so gut wie nie und wenn, dann lautlos.
Tränen, die dann vereinzelt liefen. Still. Einfach nur eine feuchte Wange und ein Gesicht, das etwas trug, das ich hilflos ansah. Bis heute frage ich mich: Was trifft tiefer, das Weinen zu hören, oder das Weinen zu sehen, ohne einen Laut? Das Lautlose hat etwas. Es dringt tiefer ein als jedes Schluchzen. Es setzt sich fest.
Ich hatte eine wirklich behütete und schöne Kindheit. Ich war glücklich, hatte sehr viele unbeschwerte Momente, viele Freunde, Spielen auf der Straße. Von „A-zerlatschen” bis „Gummitwist” haben wir wohl alle üblichen Spiele der 80er ausprobiert, jeden Tag draußen, bis es dunkel wurde. Es war eine sehr schöne Zeit. Aber ja, dieser Schatten war irgendwie immer wieder da, die Sorge um meinen Bruder.
Von meinem siebten bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr, sieben Jahre, war unser Zuhause ein Ort, der immer in Atem gehalten wurde. Es war ein tägliches Reagieren auf die Gegebenheiten. Durch das alltägliche, stille Ringen um Wohlbefinden und das Leben meines Bruders.
Wenn es ihm schlecht ging, wurde sofort reagiert. Wenn es ihm gut ging, war da ein bisschen Erleichterung zu spüren, aber immer die wachsamen Augen, vor allem von meinem Papa, auf ihn. Sie waren da für ihn und für mich, mit allen Kräften, die sie hatten. Meine Oma kümmerte sich nicht nur im Hintergrund um mich, Opa war da, wenn meine Eltern es wegen der Arbeit oder der gesundheitlichen Herausforderungen nicht konnten, sie waren alle sehr, sehr fürsorglich, gestalteten für mich eine Wärme, die ich damals für selbstverständlich hielt und heute als Geschenk erkenne.
Aber die Angst, die mich in den Momenten des Kämpfens meiner Eltern überkam, wenn es ihm nicht gut ging, war größer als alles, was ich bis dahin kannte.
Ich verkroch mich in Momenten der Angst unter dem Schreibtisch meiner Oma in ihrem Büro.
In die hinterste Ecke. Knie an die Brust gezogen, Rücken gegen die kühle Wand. Ich saß dort zwischen Kabeln und Mülleimer und wartete, bis die Stimmen im Flur leiser wurden. Bis das Hektische sich legte. Bis ich wusste, dass er noch da war.
Nachts lagen immer wieder die Blaulichter an meiner Zimmerdecke.
Blau. Blau. Blau.
Das Zucken des Blaulichts des Notarztwagens, das sich durch die Gardinen ins Zimmer stahl. Stimmen, die gedämpft klangen, als würde jemand absichtlich leise sprechen, damit ich nichts mitbekomme. Ich lag da und starrte an die Decke und betete, ich wusste weder an wen noch wie. Mit sieben, mit acht, mit neun Jahren betete ich, dass er lebt. Dass er morgen noch da ist. Und wieder waren sie am nächsten Morgen mit ihm in der Klinik. Immer und immer wieder.
Heute, wenn ich zurückschaue, sehe ich dieses Mädchen so klar. Ich sehe sie unter dem Schreibtisch sitzen, die Augen geschlossen, weinend, die Hände um die eigenen Knie geklammert. Manchmal hielt sie das Foto ihres Bruders in der Hand, voller Tränen. Und ich möchte ihr sagen: Du bist nicht allein. Du bist getragen. Auch wenn es sich nicht so anfühlt.
Aber damals unter dem Schreibtisch war niemand da, der das sagte. Wie auch? Die Erwachsenen kämpften selbst. Jeder auf seine Art. Für meinen Schmerz, das erkannte ich erst viel später, blieb trotz aller Mühen in den schlimmen Momenten, wenig Raum übrig.
Meine Eltern haben alles gegeben für ihn und für mich. Das sage ich voller Liebe für sie, ich sage es, weil es wahr ist und weil ich sie dafür tief bewundere. Sie haben versucht, uns beiden gerecht zu werden, jeden einzelnen Tag. Sie haben sich aufgeteilt und aufgerieben, funktioniert und sind trotzdem morgens wieder aufgestanden. Für uns. Ich habe mich immer geliebt gefühlt. Immer.
Auch an zweiter Stelle.
Ich bedeutete ihnen so unglaublich viel. Aber das Leben wollte es so. Er brauchte mehr. Und ein Kind, das mehr braucht, bekommt mehr. Das hat nichts mit Ungerechtigkeit zu tun, das ist Liebe, die sich dorthin bewegt, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Daraus entwickelten sich Verhaltensweisen, Muster, meine Rollen, in die ich schlüpfte.
Ich habe damals gelernt, mit weniger Raum auszukommen, meine Angst zu bewältigen, in wichtigen Situationen still zu sein und zu Lächeln, obwohl es laut in mir war.
Und ich habe gelernt, tief, ohne es damals benennen zu können, Menschen zu lesen. Wie ich meinen Bruder las. An einem Zucken um die Mundwinkel. An einer minimalen Veränderung im Atem. An dem, was jemand verschweigt und trotzdem in sich hat.
Ich habe nie einen ganzen Satz von ihm gehört. Aber ich habe immer gewusst, wie es ihm geht.
Heute nenne ich das “Menschenlesen” und nutze es für das Profiling bei der Arbeit. Heute ist es meine Arbeit, mein Werkzeug, meine größte Stärke. In mehr als zehntausend Gesprächen und Begleitungen, die ich mit Frauen und Männern geführt habe, war es immer dasselbe: Ich las sie, spürte, wo es wehtut, was sie ausmacht, was sie beschäftigt, ich brachte einen unbewussten Teil in ihnen zum Vorschein, bevor sie es erkennen konnten. Ich sah, was unter der Oberfläche lag, bevor sie selbst es sehen konnten. Ich sagte ihnen, wie sie sich fühlten und sie brachen in Tränen aus, weil es endlich jemand sah, fühlte und verstand.
Diese Gabe kam über viele Jahre.
Sie hat sich entwickelt. In stillen Nächten, unter dem Schreibtisch, mit Blaulichtern an der Zimmerdecke, dem heute und irgendwo dazwischen.
Ich bin meinem Bruder dafür sehr dankbar. Auch wenn er das nie wissen wird.
…
weiter geht es im Buch…
Du möchtest vorher wissen, ob dieses Buch etwas für dich ist? Lies gern die ersten Seiten und entscheide selbst, ob dich meine Geschichte berührt:

